Die schwäbische Hauptstadt Mariens

Pädophilie – Erfahrung eines Seelsorgers

In Würdigung der schweren seelischen Verwundungen vieler Missbrauchsopfer möchte ich aus meiner seelsorglichen Erfahrung ein wenig berichten.

Ein Priester hat in seinem Leben mit tausenden leidenden und trauernden Menschen zu tun. Da gibt es Schicksale, die der Priester nie vergessen kann. Manche von ihnen wünschen, dass der Priester ihnen in ihrem schweren Leid umfassender beisteht.

Auf Nachfrage eines Journalisten hin sind mir auch einige Fälle von sexuellem Missbrauch wieder voll ins Bewusstsein gekommen.

Eine Geschichte, die mir sehr zu Herzen ging, soll hier ein wenig geschildert werden. Dieser Fall zeigt besonders deutlich, dass durch sexuellen Missbrauch das ganze Leben eines Menschen regelrecht zerstört werden kann.

Vor einer Reihe von Jahren kam eine Frau aus einer anderen Pfarrei zu mir und bat in ihrer Verzweiflung um Hilfe. Sie hatte schwere psychische Probleme, und kein Arzt konnte ihr helfen.

In ihrer Kindheit war sie immer wieder von einem nahen Angehörigen sexuell missbraucht worden. Sie hatte aber diese Schandtaten total verdrängt, so dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte. Sie kam nun zu mir und erzählte mir, dass in ihr in einer Art von Ausnahmezustand plötzlich die schrecklichen Bilder des Missbrauchs hochgekommen seien.

Die Frau war für mich absolut glaubwürdig. Wir waren uns schließlich einig, dass wir den Täter nicht ungeschoren davonkommen lassen konnten, obwohl er zu den nächsten Angehörigen gehört. Ihre große Sorge war, was das offensive Vorgehen nun bei ihren Angehörigen und in der Dorfgemeinschaft für Folgen auslöst. Aber ihre schweren psychischen Probleme ließen keine Wahl.

Als ich mich bei der Polizei wegen einer Anzeige erkundigte, teilte mir der Beamte mit, dass die Fälle alle schon verjährt seien und dass es daher keine Strafverfolgung mehr geben könne.

Mir war klar, dass es keine volle Lösung und Hilfe für die arme Frau sein kann, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Nur beten und segnen ist in diesem Fall zu wenig. Die Sache muss auf den Tisch.

Wir rangen uns nun nach langem Überlegen durch, den Täter mit dem Opfer zu konfrontieren. Ich glaube, dass es niemand ermessen kann, wie schwer das dem Opfer gefallen ist, zumal der Täter ja der liebe nette Angehörige war. Auch mir war himmelangst vor diesem Termin. Wie wird der Täter reagieren? Wird er alles abstreiten, das Opfer der Lüge bezichtigen und damit das Leid noch vergrößern? Wird es zum Eklat kommen? Wird durch die Aufdeckung der Wahrheit die ganze Familie zerstört? usw.

Die Konfrontation zwischen Täter und Opfer verlief dramatisch. Immer wieder betete ich still um den Hl. Geist. Der nahe Angehörige gab schließlich kleinlaut seine Verbrechen zu.

Es war wie nach einer großen Schlacht: Eine merkwürdige Stille lag über dem Ganzen. Eine Mischung aus Betroffenheit, Scham und Erlösung war im Raum, als wir zum Abschied miteinander beteten und ich den Segen spendete.

Schon bald habe ich die beiden aus den Augen verloren.

Das Opfer hat hoffentlich inzwischen bei guten Psychotherapeuten einigermaßen Hilfe bekommen. Ihr Familienleben mit ihrem Mann und ihren Kindern hatte schwer unter ihrem psychischen Trauma gelitten. Ein normales Geschlechtsleben war für sie unmöglich.

Die Ehe des Täters wäre beinahe zerbrochen. Schon einige Jahre nach der Konfrontation ist der Täter gestorben.

Wie können wir den Opfern helfen? Indem wir wahre Seelsorge betreiben: ihnen nahe sind, sie begleiten, sie segnen, für sie beten……

Letztlich aber kann nur Gott helfen, die schweren psychischen Wunden zu heilen!

 

Erwin Reichart, Wallfahrtsdirektor

 

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